Konsumneurotiker

Frisch drauflos und nachgedacht

Artemide Leuchten – Tizio – Tolomeo Tavolo – Klassiker

Italien, 5. August 1958. Es war ein heißer Tag, und der neue Erdenbürger Giovanni schlief ruhig in einer kleinen Einzimmerwohnung in einem Ort namens Pieve. Und im August 1958 trafen sich in Mailand zwei Männer vielleicht auch an diesem Tag. Zwei sehr unterschiedliche Männer im Alter von 27 Jahren. Der eine ein Künstler, der es verstand mit Zeichenstiften, Pinseln, Farben, Papier und Leinwand umzugehen. Und der doch mit einem sehr praktisch denkenden Kopf ausgestattet war, was man daran erkannte, dass er sich für ganz alltägliche Dinge interessierte. Er zeichnete Stühle, kritzelte Notizen, entwarf Leuchten und Lampen, saß nächtelang vor der Leinwand, bis das Sofa seinen Vorstellungen entsprach. Jemand, der damals etwas von Malerei verstand, bezeichnete diese Stilrichtung als die Gegenständliche Malerei. Und traf damit den Nagel auf den Kopf.

Das Italien der Nachkriegsjahre ließ viel Raum für neue Ideen. Und nicht müde wurde Sergio Mazza zu betonen, dass es auch der kleine gesüßte schwarze Espresso ist, dem er vieles zu verdanken hat.

Der andere ist ein Mann, der bei schwachem Licht nächtelang über den Büchern hockte, sich in unübersichtlichen Räumen bewegte, und wenn der Mond hell die Erde überstrahlte, wie an diesem 5. August 1958, still hinauf schaute in die Sterne und flüsterte: „Buona notte, wie ihr leuchtet.“ Ein Mann, empfänglich für die Schönheit der Gestirne, mit Hingabe und Leidenschaft ausgestattet, mit Verspieltheit und der Liebe zum Detail. Darin glichen sich Ernesto Gismondi und Sergio Mazza. Und natürlich spendierte ihnen die Bialetti manch starken schwarzen Schluck.

Die Technik und die Wissenschaft, das Ingenieurswesen, in vielen Bereichen hatte der Krieg den technischen Fortschritt bedingt. Die Welt war zerstört. Die beiden jungen Männer, intelligent und voller Ideen, sie wollten die Zukunft mitgestalten. Und sie wollten etwas schaffen, was den Menschen nützlich ist. Gegenstände des alltäglichen Bedarfs, die das Leben erleichtern. Sie entwarfen Möbel, Haushaltsgegenstände und Leuchten. Und hatte Ernesto Gismondi doch Luftfahrt und Raketentechnik studiert, sah sich Sergio Mazza in seiner Einschätzung bekräftigt, dass Signore Gismondi schließlich weiß, wie es nach Oben geht.

Man verlegte Kabel, installierte Steckdosen, experimentierte mit Glas und Kristall, schnitzte Holz und goß Aluminium. Schon sehr bald war die Richtung eingeschlagen. „The Human Light – Intelligentes Licht, das sich den Bedürfnissen des Menschen anpasst“. 1958 wurde Artemide gegründet. Die erste von Sergio Mazza entworfene Tischleuchte, Alfa (1959), sie wurde ein Verkaufsschlager. Beim Lichte der Alfa lagen die Menschen jetzt lieber nebeneinander im Bett, als gemeinsam und sinnlos im Krieg an der Front zu fallen. Die Künstler-Gruppe Memphis, der auch Gismondi und Mazza angehörten, verstanden sich antikapitalistisch und sie wollten die alten Zöpfe hinter sich lassen.

Einer der Gründer der Memphis-Gruppe war der Architekt und Produkt-Designer Michele de Lucchi, ein viriler Mann mit einem drahtigen Rauschebart. Befeuert und gestärkt durch einen kleinen Espresso und unter Mitwirkung von Giancarlo Fassina entstand ein Leuchten-Klassiker, der nicht nur mit dem Compasso d’Oro ausgezeichnet wurde, sondern auch im Museum of Modern Art in New York als ständiges Ausstellungsstück Aufnahme fand. Die Artemide Tolomeo Tavolo, eine Schreibtischleuchte aus Aluminium, die durch eine federleichte Berührung in jede Position ausrichtbar ist. Michele de Lucchi erhielt 2001 eine Professur für Design und Kunst an der Universität von Venedig. Seine Vita ist ansehnlich: Compaq Computer, Philips, Siemens, Olivetti, Küppersbusch, Ferrari, Armani, Pelikan – da fehlt hier der Platz zu weiterer Aufzählung.

Der in München geborene Designer und Professor für Industriedesign an der Kunstakademie Stuttgart, Richard Sapper, hat einen weiteren Klassiker hingelegt, die Artemide Tizio. Sie befindet sich nicht nur im Moma in New York, sondern auch im Arbeitszimmer des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Sie ebenso ein Star wie die Tolomeo Tavolo, die ihren medialen Auftritt im Sprechzimmer des Doktor Stadler aus der Fernsehserie Lindenstrasse hat.

Heuer feiert Artemide sein 50jähriges Firmenjubiläum. “Glas Wein? Den Espresso gibt’s dann hinterher.”

Italien bei Nacht - 1958

posted by Slowhand in Haus & Garten and have Comments (5)

5 Responses to “Artemide Leuchten – Tizio – Tolomeo Tavolo – Klassiker”

  1. Schöner Artikel. Die Tolomeo Tavolo ist grandios.

  2. Kurt sagt:

    Wirklich sehr schön und unterhaltsam geschrieben. Wobei mir persönlich die Tizio noch eher zusagt als die Tolomeo.

  3. Bergfreunde sagt:

    Piz Cavriola, 2873…

    Ich lese häufig Ihr Blog und finde es immer sehr interessant. Dachte, es sei an der Zeit, ich lasse Sie das mal wissen, machen sie weiter mit ihrer großartigen Arbeit…

  4. Slowhand sagt:

    Es läuft vielleicht etwas zäh hier an, das muß ich zugeben. Doch danke ich allen Kommentatoren für Ihre Zuneigung.

  5. Slowhand sagt:

    Hallo Bergfreunde,

    viel zu lesen gibt es in diesem Blog nicht, aber wenn Sie häufig hier sind, dann will ich nicht faul sein und meine großartige Arbeit fortsetzen.

    Mit den besten Grüßen

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