Interview mit Achim Püttmann, dem Herausgeber des Konsumneurotikers.
Das Gespräch führte Nadine Wroblewski
Nadine: „Achim, was ist für dich Luxus?“
Achim: „Luxus ist heute wohl ein gutes Fernsehprogramm. Ich bin ja schon älteres Semester. Und wirklich Spannendes oder Entspannendes und Heiteres finde ich selten. Deswegen habe ich mir einen DVD-Player und die kompletten Columbo-Krimis zugelegt. Und ich bin so verrückt geworden und schaue mir an freien Tagen zwei drei an. Und beim Zusehen mache ich meine tägliche Gymnastik.“
N.: „Das ist ein kreativer Umgang mit deiner Zeit.“
A.: „Ich liebe Peter Falk, er ist verschlagen und ungemein witzig. Und meinen Rücken, meine Muskeln muss ich trainieren. Ich sitze ja viel am PC, schreibe Texte und habe 2007 mit dem Gitarrespiel angefangen. Da benötige ich Ausgleich.“
N.: „Du gehst ins Kino?“
„Also schon lange nicht mehr. Ich mag zum Beispiel Western, Rio Bravo und Vierzig Wagen Westwärts. Groß ist Der Clou mit Robert Redford und Paul Newman. Visconti, Der Leopard. Immer liegt da ein interessanter Stoff vor. Große Literatur. Und Hollywood hatte exzellente Drehbuchautoren. Ich habe mich beschränkt und lese keine Veranstaltungshinweise.“
N.: „Verstehe ich das richtig, du verweigerst dich dem Konsum?“
A.: „Das will ich nicht sagen. Es gibt immer ein paar Dinge, die mir ins Auge fallen. Aber ich frage mich, ob ich sie wirklich brauche. In dem Sinne, ob ich sie auch gebrauche. Und natürlich findet sich auch eine marokkanische Holzfigur über meinem Schreibtisch an der Wand. Ein Scherenschnitt meines Sohnes. Ich leiste mir keinen Nippes. So etwas muss man auch sauber halten, also müsste ich mich drum kümmern.“
N.: „Wie dürfen wir uns das bei dir zuhause vorstellen?“
A.: „Das ist eine sehr persönliche Frage. Ich zögere ein wenig. Ich will dir was sagen. Mein Vater war und ist ein begnadeter Handwerker. Ich war häufig mit ihm unterwegs. Trug ihm die Tapetenbücher hinterher und half ihm häufig bei der Arbeit. Sein Geschäft lief gut und die Frauen liebten ihn. Er konnte alles. Moderne Raumgestaltung stand unter seinem Namen auf den Rechnungen, die ich schrieb. Und er war stolz, dass er mehr verdiente als ein Professor.“
N.: „Also du bist sehr früh ans Arbeiten gekommen und hast gelernt mit deinen Händen umzugehen?“
A.: „Richtig. Und wenn Frau Dr. Dutt in ihr renoviertes Eigenheim zog, dann war sie glücklich. Ich habe immer sehr sauber gearbeitet und mein Vater sagte: ‘Jung, ist gut, das kann dir ja keiner bezahlen.’ Aber ich habe viele Haushalte gesehen und man sieht sich um. Um aber auf deine Frage zurück zu kommen. Ich lebe in der Tat bescheiden. Bewohne ein Appartement, darin stehen zwei Schreibtische und ein kleines Schreibmaschinentischchen, das mehr Requisite ist. Eine Musikanlagen, deren Komponenten ich gelegentlich erneuern muss. Reparieren lohnt ja meist nicht. Doch erst vor wenigen Monaten ließ ich meine Magnat-Boxen, das heißt die Sicken der Basslautsprecher erneuern. Ich mag diese alten Boxen. Wunderbarer Klang.“
N.: „Und sonst findet sich nichts in deinem Appartement?“
A.: „Mein Herz hängt natürlich an meiner Hanika Gitarre. Eine Stehleuchte von Artemide, die Tolomeo Basculante. Sie begleitet mich an meine Schreibtische, ans Stehpult, das mein Vater für mich hat anfertigen lassen. Die Basculante steht neben dem Notenständer. Ich liebe diese Leuchte. Dann habe ich einen PC, den ich mir 2007 habe zusammenschrauben lassen von einem Freund. Der läuft und läuft. Ich hack da meine Sachen rein. Letztens sagte eine Bekannte, ihr Rechner sei jetzt vier Jahre alt, und nun müsse ein neuer her, obwohl der noch funktioniert. Da wird viel Müll produziert. Das ganze Zeugs geht dann um die Welt. Das ist ein Wahnsinn, was für Müllberge die Konsumgesellschaft hinterläßt.“
N.: „Du bist kritisch.“
A.: „Das muss man auch sein. Die wachsende Weltbevölkerung stellt uns vor große Herausforderungen. Der Verbrauch an Rohstoffen ist immens. Die Zerstörung der Natur frevelhaft. Das Tempo, indem sich die Welt verändert, atemlos. Nimm Ernesto Gismondi, Richard Sapper und Michel de Lucchi, große Persönlichkeiten. Sie haben der Warenwelt entscheidende Impulse verliehen. Ihre Sachen sind sicherlich teurer, haben ihren Preis. Aber wenn man zum Beispiel auf so eine Stehleuchte, wie ich sie gebrauche, spart, dann hat man seine Freude dran. Das ist kein Allerweltsprodukt. Und solche Sachen begleiten einen durchs Leben. Wenn man sich mit den genannten Personen beschäftigt, dann erfährt man, dass sie in anderen Kategorien denken, als nur an das schnelle Geld. Das will natürlich verdient sein, aber in ihren Köpfen hat sich was bewegt. Großartige Leute. “
N.: „Du gerätst ins Schwärmen. Was war dein größter Fehlkauf?“
A.: „Erst letztlich eine kleine Espressokanne aus Edelstahl. Nach vier Wochen hat sich der Henkel gelockert. Ich trug sie zurück, sie wurde repariert und drei Wochen später wackelte der Henkel wieder. Ich weiß nicht, so etwas ist ärgerlich. Da gibt es günstigere Kannen, die einen solchen Mangel nicht aufweisen.“
N.: „Dein beste Investition?“
A.: „Ein Röhrenmikrofon der Firma BPM-Studiotechnik. Ein absolut warmer und differenzierter Sound, sowohl was die Sprache als auch meine Gitarrenaufnahmen angeht. Und ein Schmuckstück, ein Teppich aus Schafschurwolle von Van Den Brink & Campman.“
N.: “Vielen Dank, dass du dir die Zeit für uns genommen hast.”
A.: “Bitte gern.”